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Dr. Michael Gassmann Leere und Licht Architektur und Ausstattung der Kirche Sankt Winfried in Bonn
Vortrag, gehalten am 24.4.2005 Der Einbau einer neuen Orgel in unsere Kirche rückt näher. Es handelt sich, soviel kann man schon jetzt sagen, um den nachhaltigsten Eingriff in die Architektur der Kirche seit ihrer Erbauung. Das neue Instrument wird das Aussehen des Innenraums für die Zukunft maßgeblich prägen. Deshalb erscheint es angebracht, sich über die Form und Bedeutung der Architektur von Sankt Winfried Gedanken zu machen. Über alte Kirchen sagt man oft, sie seien steinerne Predigten. Moderne Sakralbauten wie Sankt Winfried scheinen, nüchtern wie sie auf den ersten Blick wirken, über eine solche Symbolkraft nicht zu verfügen. Es stellt sich aber bei genauerer Betrachtung heraus, daß das vom Bonner Architekten Kurt Kleefisch entworfene Bauwerk keineswegs bloß ein praktischer Versammlungsort ist, sondern voller Symbolik steckt. Wie die Kirchen vergangener Epochen macht seine Architektur Aussagen, die in Verbindung zum Glauben und zur Liturgie stehen. Von außen wirkt der Kirchbau auf den ersten Blick beinahe abweisend. Anders als ältere Kirchen besitzt er keine Fassade im eigentlichen Sinne: Es gibt keinen plastischen Schmuck, mit dessen Hilfe sich der Bau als Kirche zu erkennen gäbe. Das liegt daran, daß Kurt Kleefisch bei der Gestaltung des Äußeren einem Lehrsatz der modernen Architektur gefolgt ist: „Die Form folgt der Funktion“. Die Kirche Sankt Winfried gibt dem Betrachter durch ihre äußere Form Hinweise auf ihre Funktionen im Innern: Der Altarraum ist auch von außen aufgrund seiner Höhe und des markanten Pultdachs leicht zu erkennen. Marienkapelle und Sakramentskapelle sind durch die beiden Glaspyramiden bezeichnet, die den exakten Ort von Marienaltar und Tabernakel markieren. Schließlich sind die Seitenkapellen vom Hauptkirchenraum durch die unterschiedliche Höhe klar abgegrenzt.
Der Hauptaltar selbst steht gemäß den Forderungen der Konzilsdokumente frei im Raum und kann umschritten werden. Er ist aus Stein, weil Christus selbst als Fels, Eckstein und Schlußstein bezeichnet wird. Er ist einerseits Tisch des Herrn, andererseits Opfer- und Grabstätte: Hinter dem Kreuz befindet sich das Behältnis mit Reliquien des heiligen Bonifatius und der Stadtpatrone. Der Tabernakel befindet sich nicht mehr, wie früher, auf dem Hochaltar im Chor der Kirche, sondern in einer Seitenkapelle. Man wollte vermeiden, daß der Leib des Herrn – also das bereits gewandelte Brot - sich im selben Raum befindet, in dem die Wandlung vollzogen wird. Dennoch steht der Tabernakel in enger räumlicher und optischer Beziehung zum Altar. Die Anordnung aller „Funktionseinheiten“ im Raum macht Sankt Winfried also geradezu zu einer Musterkirche des nachkonziliaren Gottesdienstes. Kehren wir von der Einrichtung des Raums zu seiner Architektur zurück. Auch sie hat eine theologische Botschaft, die sich vielleicht nicht jedermann sofort erschließt, aber von Bedeutung ist. Es geht hier vor allem um das Licht, das Kurt Kleefisch sehr gezielt einsetzt. Seit je sieht die Kirche im Licht ein Symbol Christi – die aufgehende Sonne symbolisiert den kommenden Christus. Deshalb war es jahrhundertelang üblich, die Kirchen nach Osten hin auszurichten, zu Christus hin. Das Wort „Orientierung“, das ja nichts anderes als „Ostung“ bedeutet, rührt daher. Solange der Priester mit dem Rücken zum Volk zelebrierte, also mit dem Volk zusammen gen Osten blickte, war die „Ostung“ der Kirchen plausibel. Schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil gab es aber Bestrebungen, der Priester solle zum Volk hin zelebrieren, um so die Gemeinschaft der um den Tisch des Herrn Versammelten anschaulich zu machen. Damit verlor die Ostung der Kirchen an Bedeutung; und in der Tat wurde bei vielen nachkonziliaren Kirchen diese Orientierung aufgegeben. Auch Sankt Winfried ist nicht eindeutig geostet, so wie ja auch die Mittelachse fehlt. Sankt Winfried steht gewissermaßen „auf Kante“: Jede Ecke des Gebäudes weist exakt in eine Himmelsrichtung. Das hat vor allem etwas mit der Lage des Grundstückes zu tun. Der Altar befindet sich infolgedessen nicht an der Ost-, sondern an der Südost-Seite der Kirche. Interessant ist, daß die Anordnung der Fenster Leere und Licht – auf diese beiden Begriffe läßt sich das architektonische Konzept von Sankt Winfried bringen. Die Bedeutung beider Begriffe wird nirgends deutlicher als bei der Beleuchtung der beiden Altäre und des Tabernakels. An diesen drei wichtigsten Orten kommt das Licht nicht von der Seite, sondern von oben. Woher es genau kommt, sehen wir nicht. Wenn man sich spätere Hinzufügungen - das Kreuz, den Teppich, Blumen, Ikone und Holzschnitt - wegdenkt, dann erkennt man die ursprüngliche Idee des Architekten: In einen vollkommen leeren Raum sollte von oben Licht hineinscheinen. Der berühmte Kirchenarchitekt Rudolf Schwarz, in dessen Büro Kurt Kleefisch für einige Zeit gearbeitet hat, hat die theologische Erklärung für dieses architektonische Konzept so formuliert: Das Licht komme von oben, weil Gott oben ist. Das von oben in den leeren Raum fallende Licht symbolisiere die stille Anwesenheit Gottes. Die Leere wirke so als Gottesfülle. Man mißversteht diese Leere vollkommen, wenn man glaubt, sie mit Dekoration ausfüllen zu müssen. Sie ist kein defizitär, sondern Auch das über dem Altar hängende schöne Kreuz gehört nicht zur Erstausstattung der Kirche. Stattdessen stand das Kreuz, das jetzt in der Marienkapelle steht, dort vorne. Es ist als Tragekreuz konzipiert, das beim Einzug des Priesters hineingetragen und am vorgesehenen Platz aufgestellt werden sollte. Der vorher leere Raum wird durch diesen Akt mit dem Zeichen des Kreuzes bezeichnet. Im schmucklosen Raum sollte das wie ein Siegeszeichen des Auferstandenen aufgepflanzte Kreuz besonders kostbar wirken. Deswegen ist es vergoldet und mit 36 Pyramiden aus Bergkristall besetzt. Es stammt von den renommierten Aachener Goldschmieden Fritz Schwerdt und Hubertus Förster, wie übrigens auch sämtliche Kerzenleuchter, die Apostelkerzenhalter, der Tabernakel und das Ewiglicht. Wie sorgfältig auch ansonsten die Lichtführung konzipiert ist, merkt man, wenn man einmal bewußt und langsam vom Eingang zum Kirchenraum, von draußen nach drinnen schreitet. Im Vorraum ist es noch fast taghell: die Wand zur Linken ist vollständig durchfenstert. Der Vorraum vermittelt so zwischen drinnen und draußen. Schreitet man durch die zweite Eingangstüre, wird es dunkel: Dieser niedrige Bereich zwischen Haupt- und Seiteneingang erhält nur durch ein schmales Nordfenster sowie indirekt aus der Marienkapelle Licht. Unwillkürlich senkt man die Stimme. Doch dann wendet man sich nach rechts und steht mit einem Mal in einem hohen und hellen Raum – der Kirche. Der Weg führt vom hellen Tag ins heilige Dunkel und schließlich ins lichtdurchflutete Gotteshaus. Diese „Lichtregie“ wurde von der ursprünglichen Kunstlichtführung exakt nachvollzogen: Der dunkle Bereich vor der Marienkapelle war nur durch wenige Milchglas-Deckenlampen sparsam beleuchtet, der Kirchenraum durch auffallend viele Hängelampen hingegen sehr hell. Die Altäre und der Tabernakel wurden von zahlreichen Strahlern von oben angestrahlt. Leider ist das Kunstlichtkonzept zur Zeit empfindlich gestört: Deckenfluter erhellen den dunklen Raum zwischen Marienkapelle und Kirche; massive Strahler beleuchten den Altarraum statt von oben nun von vorne; zwei (ineffiziente) Hängelampen wurden in den hohen Altarraum hineingehängt; die Strahler über dem Tabernakel wurden durch Energiesparlampen ersetzt. Der Kirchbau des Architekten Kurt Kleefisch ist ein bis ins Detail durchdachtes, wohlgelungenes Stück Architektur, dessen innere Logik unter unbedachten Ausschmückungen und Veränderungen leiden kann. Jeder Entwurf für die neue Orgel wird sich dementsprechend daran messen lassen müssen, wie sensibel er auf den Raum Bezug nimmt. Vielleicht kann der Orgelneubau aber auch ein Anlaß sein, sechsunddreißig Jahre nach Einweihung der Kirche die Schönheiten dieses klug entworfenen Bauwerks neu zu entdecken und sich zu fragen, was man an der bisherigen Ausschmückung ändern könnte, um die Botschaft, die uns diese Kirche vermitteln will, wieder klar zur Geltung zu bringen. Michael Gassmann
Die neue Winterhalter-Orgel in der Pfarrkirche Sankt Winfried in Bonn![]() ![]()
In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als sich die Bundesregierung am provisorischen Regierungssitz Bonn mehr und mehr einzurichten begann, dachte man seitens des Kölner Erzbistums und der Bonner Katholiken über eine verstärkte kirchliche Präsenz im Bonner Regierungsviertel nach. Nach mehrjährigen Planungen konnte dort, nur wenige Schritte vom Bundestag entfernt, im Dezember 1968 eine Pfarrkirche geweiht werden, die von Anfang an in der Obhut des weltweit tätigen Salesianer-Ordens lag. Zu ihrem Namenspatron wählte man in programmatischer Absicht Winfried Bonifatius, den Apostel der Deutschen. Jahrzehntelang wurden in ihr die Gottesdienste des Deutschen Bundestages abgehalten. Während diese Funktion dem Gotteshaus seine Bedeutung sicherte, schrumpfte die Gemeinde Sankt Winfried durch die städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen im Regierungsviertel von ursprünglich ungefähr 1000 auf zur Zeit etwa 340 Mitglieder. Sankt Winfried ist damit einer der kleinsten Gemeinden des Erzbistums Köln. Heute bildet sie zusammen mit den Gemeinden Sankt Quirinus, Sankt Nikolaus und Sankt Elisabeth den Pfarrverband Bonn-Süd. Das ehemalige Regierungsviertel befindet sich unterdessen in einer Phase des Umbruchs und Aufschwungs: In den sogenannten Schürmannbau, einst für die Büros der Abgeordneten bestimmt, ist die Deutsche Welle eingezogen, die Deutsche Post AG hat in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche ihre Konzernzentrale, den Post-Tower, errichtet. Das Hauptquartier der Deutschen Telekom liegt ebenfalls auf dem Gebiet der Pfarrgemeinde. Das ehemalige Abgeordnetenhaus Langer Eugen ist zum Sitz mehrerer UN-Einrichtungen geworden, der Plenarsaal des Deutschen Bundestages bildet nun das „Internationale Kongresszentrum Bundeshaus Bonn“; ein großes Kongressgebäude, das den Plenarsaal ergänzen soll, befindet sich zur Zeit im Bau. So wachsen auch der Pfarrgemeinde Sankt Winfried neue Aufgaben zu. Mit den vielen international tätigen Organisationen und Unternehmen, die in Bonn ihren Sitz genommen haben, sowie dem in Bonn verbliebenen Entwicklungshilfe-Ministerium arbeitet die in Sankt Winfried beheimatete Missionsprokur der Salesianer Don Boscos eng zusammen. Außer der eigenen Gemeinde bietet die Kirche auch dem Foyer der Jesuiten sowie der spanisch sprechenden und der philippinischen Gemeinde eine Heimat. Heute ist die Kirche Sankt Winfried das, was sie schon zu Hauptstadtzeiten war: ein lebendiger Ort der Begegnung für Menschen aller Nationen und Berufe. Sankt Winfried wurde gemeinsam mit den angrenzenden Klostergebäuden vom Bonner Architekten Kurt Kleefisch errichtet. Das Bauwerk liegt am Hang einer natürlichen Rheinterrasse und grenzt östlich an den anlässlich der Bundesgartenschau 1979 gestalteten Rheinauenpark. Ein alter Mühlenstumpf, eine große Kastanie und ein barockes Wegekreuz befanden sich auf dem Bauplatz und wurden vom Architekten in die Planungen integriert: Kirche und Klostergebäude gruppierte Kleefisch um den – inzwischen ersetzten – Baum und den zum Sitzplatz umgebauten Mühlenstumpf herum. So schuf er einen kommunikationsfreundlichen Kirchplatz, auf dem auch das alte Kreuz aufgestellt werden konnte. Von außen präsentiert sich die Kirche nüchtern im Stil der Zeit: Der in rotem Klinker und Sichtbeton ausgeführte Bau läßt die liturgischen Funktionen des Innern klar erkennen. Ein markantes Pultdach markiert den Altarbereich, zwei gläserne Pyramiden bezeichen den Ort von Tabernakel und Marienkapelle. Der aus Betonelementen gleichsam zusammengesteckte Turm setzt an der Straßenseite ein architektonisches Ausrufezeichen. Wer die Kirche betritt, passiert zunächst den Vorraum und den halbdunklen Bereich vor der linker Hand gelegenen Marienkapelle, bevor er, sich nach rechts wendend, den hellen und hohen Kirchenraum erreicht. Die Architektur erscheint hier, wie schon am Kirchturm ablesbar, als „konstruktivistisch“: Der Raum ist aus weiß verputzen Wandscheiben, glatten grauen Betonbalken und rauen Sichtbetonelementen gewissermaßen zusammengesetzt. Im Nordosten der Kirche befindet sich die um einen halben Meter erhöhte Chor- und Orgelbühne, im Südosten der Altarbereich mit Altar, Ambo, Kredenz, Taufbecken und Sedilien, der vollständig in graugrünem Dolomit ausgeführt ist. Der Boden der Kirche hingegen ist mit braun-rotem Stahlklinker belegt, die von Kurt Kleefisch entworfenen Kirchenbänke sind aus gekälkter Eiche gefertigt. Tabernakel, Osterkerzenleuchter, Ewiglicht, das im Vorraum aufgestellte Vortragekreuz sowie die Apostelkerzenleuchter wurden von den Aachener Goldschmieden Fritz Schwerdt und Hubertus Förster in Aluminiumguß mit Vergoldungen ausgeführt. Besondere Aufmerksamkeit widmete Kleefisch der Frage des Lichteinfalls: Die „heiligen Orte“ Zelebrationsaltar, Tabernakel und Marienaltar erhalten ihr Licht von oben, der Kirchenraum selbst wird durch ein waagerechtes Fensterband erhellt, das zwischen den Tragebalken der Decke verläuft. Senkrechte Fensterbänder vom Boden bis zur Decke ergeben sich aus den Freiräumen zwischen den konstruktiven Betonelementen. Insgesamt erweist sich Sankt Winfried als ein qualitätvoller Bau mit dezenter, überlegter Farbgebung und geschickter Lichtregie, der die Erfordernisse der nachkonziliaren Liturgie mustergültig erfüllt. Seit ihrer Einweihung mußte sich die Gemeinde Sankt Winfried mit einem vom Erzbistum Köln gemieteten Orgelpositiv begnügen, das liturgische wie künstlerische Bedürfnisse in keiner Weise zu erfüllen imstande war. Der überfällige Orgelneubau traf auf durchaus günstige Voraussetzungen: Die vom Architekten für die Orgel vorgesehene Nische – von außen betrachtet ein von Klinkerwänden umgebener Sichtbeton-Erker – bietet zwar nur begrenzt Platz, gewährleistet aber eine gute Klangabstrahlung in den Kirchenraum hinein. Sankt Winfried verfügt zudem über eine warm resonierende, leicht hallige Akustik, die auch bei voll besetzter Kirche ihren Charme behält. Unter den eingereichten Entwürfen überzeugte Claudius Winterhalters Konzept auf Anhieb, weil es durch die konstruktivistische Gliederung des Orgelgehäuses das Instrument raffiniert in die umgebende Architektur einpasst und dadurch eine optimale Ausnutzung des zur Verfügung stehenden knappen Raumes gewährleistet. In seinem Angebot würdigte Claudius Winterhalter den Kirchbau als „ein Ensemble von abwechslungsreicher Raumtopografie mit klaren Strukturen und innerer Geschlossenheit“, das „nach Vorbildern des Bauhauses und der sachlich-ästhetischen Ideenwelt eines Le Corbusier" entworfen worden sei und „einen bemerkenswerten Sakralraum“ darstelle. In diesem Raum macht das Instrument durch seine Farbgebung eine eigenständige künstlerische Aussage. „Im Sinne konstruktivistischer Malerei und Skulpturkunst (Mondrian, Malewitsch, Gabo)“, so Claudius Winterhalter, „ist die Orgelanlage als geometrisches Bild und farbige Plastik angelegt. Sie besitzt somit gestalterische Eigenständigkeit bei gleichzeitiger Einbindung in die Topografie von Aufstellungsplatz und Raumschale. Dieser wohltuende Eindruck soll dem Betrachter schon beim Eintritt in die Kirche vermittelt werden“. Das Orgelgehäuse greift die Wandgliederung aus Balken und Flächen auf und entwickelt die Architekturideen Kurt Kleefischs fort. Auf einem wandweißen Sockel erhebt sich das geometrische Bild: Ein breites Sockelfries, dessen rote Farbe aus den Kirchenfenstern abgeleitet ist, trägt das in lichtem Grau gehaltene Schwellwerk, dessen horizontale und vertikale Jalousien die Fläche subtil gliedern. Haupt- und Pedalwerk befinden sich hinter dem silbrig glänzenden, doppelten Rechteck der angelängten Prinzipalpfeifen, das wiederum von einem roten Fries korrespondierend bekrönt wird. Hinter den Pfeifenfüßen des Prospekts ist ein LED-Lichtband angebracht, das nach Wunsch die Farbkomposition um ein warmes Gelb im Sinne Mondrians ergänzen kann. Claudius Winterhalter erweist sich mit dieser Komposition einmal mehr als erfindungsreicher und feinsinniger Gestalter, der es versteht, das uralte Handwerk Orgelbau um zeitgenössische Ausdrucksformen zu bereichern. Nach seiner vielgelobten Chororgel von 2006 in der Domkirche zu Stuttgart – sie hat die Gestalt einer auf dem Kopf stehenden Pyramide – ist das Instrument in Sankt Winfried seine zweite Arbeit für einen Nachkriegskirchenraum und die erste in einem entschieden modernen Ambiente. Diese neue Aufgabe hat zu einer markanten Weiterentwicklung seiner Formensprache geführt: So reduziert aufs Wesentliche hat sich noch keine seiner Orgeln präsentiert. Die Disposition der Orgel in Sankt Winfried, die vom Orgelsachverständigen Adolf Fichter gemeinsam mit dem Seelsorgebereichsmusiker Georg Friedrich, Claudius Winterhalter und Michael Gassmann entwickelt wurde, musste einerseits den beschränkten räumlichen und finanziellen Verhältnissen Rechnung tragen und sollte zugleich größtmögliche Klangvielfalt gewährleisten. Der Akustik des Kirchenraums entsprechend, entschied man sich für eine musikalische Ausrichtung, die sich auf die elegante, lebendige Klangwelt des späten Barock bezieht und mit unprätentiös streichendem Timbre und feiner Fülle bereits die Ideale der frühen Romantik aufzeigt. Die Orgel verfügt auf zwei Manualen und Pedal über 17 Register, einen Vorabzug, vier Transmissionen und einen Tremulanten. Aus Gründen vorteilhafter Raumnutzung erhielt das Pedalwerk neben Subbass 16’ und Fagott 16’ eine vollständige Reihe adäquat mensurierter Transmissionsregister aus dem Hauptwerk: Octavbass 8’, Bassoctave 4’, Gedecktbass 8’ und Trompete 8’. Die Superoctave 2’ im Hauptwerk ist ein Vorabzug aus der Mixtur. Diese Zusatzfunktionen ermöglichen einen besonders vielseitigen Einsatz der relativ wenigen Register. Das Hauptwerk ist klassisch aufgebaut, verfügt über einen Principalchor vom Achtfuß bis zur Mixtur, über Gedeckt und Rohrflöte als Begleitregister und über eine kernige Trompete, die zu schönem solistischen Spiel fähig ist und sich zugleich nobel ins Plenum einfügt. Das in barocker Art intonierte Salicional des Schwellwerks korrespondiert mit dem Hauptwerksprincipal, die mild streichende Fugara mit der Octave 4’. Auch im Schwellwerk gibt es eine Zungenstimme, die sich sowohl solistisch als auch im Werkplenum als unverzichtbar erweist. Trotz der beschränkten Registerzahl beeindrucken die Principale, Flöten, Streicher und Zungenstimmen durch ihre vielschichtige Klangfülle und ihre ausgeprägte Farbigkeit. Ungewöhnlich gelungen ist auch die fein differenzierte Abstufung einzelner Klanggruppen, sowohl untereinander als auch zwischen den Teilwerken, von den Grundstimmen bis zur Klangkrone. Eine wirkungsvolle, erst in neuer Zeit wieder legitimierte Zutat zur Klangausweitung ist die Subkoppel II/II, die im Schwellwerk das Spiel auf Sechzehnfußbasis ermöglicht. Sie koppelt zugleich auf das erste Manual durch, so dass dort jedes Register des Schwellwerks eine Oktave tiefer verwendet werden kann und damit dem Plenum eine zusätzliche, unerwartete Klangdimension beschert. Klein, aber fein, oder: In der Beschränkung zeigt sich der Meister. Die neue Winterhalter-Orgel ist nicht nur ein ideales Instrument zur Begleitung von Gemeinde, Chor und Kantor, sondern in Ihrer Vielfalt und Farbigkeit auch bestens geeignet zur konzertanten Darstellung der Literatur von den Anfängen bis zur frühen Romantik und der Moderne. Darüber hinaus vermittelt sie jene besondere Spielfreude, die Organisten zu spontanem Improvisieren einlädt. Mit ihrer perfekten Innenstruktur, gespiegelt in einem überzeugenden Äußeren, darf die Orgel von St. Winfried als eine weitere Besonderheit im Schaffen der bekannten Schwarzwälder „Orgelschmiede“ gelten. Michael Gassmann
Die gesamte Anlage liegt um einige Stufen gegenüber dem Umgebungsniveau erhöht und zurückversetzt von der Straße. Der Architekt löste die Baugruppe in ineinander geschachtelte, eigenständige Teile auf. Kirche, Sakristei und Kloster sind zwei rechtwinklig aufeinanderstoßenden Flügeln um den Kirchplatz angeordnet. Der Kirchengrundriß weist eine unregelmäßige Struktur auf, bestehend aus locker verklammerten Bauteilen. Die querrechteckig orientierte Anlage verjüngt sich stufenweise zum Chor hin. Dieser liegt zwar nach alter Tradition im Osten, aber ungewöhnlicherweise zum Kirchhof hin. Deshalb ist er auch ringsum von geschlossenen Wänden umgeben. Ein Sheddach spendet dem Chorraum von oben Licht. Der Glockenturm mit dem Kreuz auf dem Dach, der in die Straßenfront eingebunden ist, kennzeichnet den Bau als Sakralbau. Im Turmführen Treppen zum Pfarrsaal im Untergeschoß der Kirche (Kurz „Unterkirche“). Hinter dem Turm liegt der Haupteingang.
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